Kurse über Plagiat
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2.3 Plagiat in der Literatur

"Das Plagiat"

In der Literatur ist das Plagiat stark verbreitet. Es gab bereits 1673 eine Dissertation in Leipzig von Jacob Tomasius, die sich hiermit beschäftigte: De Plagio literaria ... resp. Johann Michael Reinelius  . Man muss in der Literatur zwei Sorten von Plagiat unterscheiden, Wort-für-Wort-Übernahme (ggf. mit "Verfeinerungen") und die Übernahme der Geschichte. Letzteres wird sehr oft beklagt, hat sich aber als sehr schwer erwiesen, gerichtlich durchzusetzen. Eine interessante Wendung gibt es bei einem Krimi von Rex Stout, in dem gezielt Bestseller-Autoren Leseexemplare untergejubelt werden, die zufällig genau dieselbe Handlung haben wie das sich gut verkaufende Originalwerk.

     
Shakespeare

Shakespeare hat fast alle seine Werke bei anderen ausgeborgt, in der Literatur wird sogar davon gesprochen, dass die Quellen von 31 der 32 Werke bereits gefunden worden sind, und dass man nicht denkt, dass das 32. tatsächlich von Shakespeare selbst stammt, nur, dass man die Quelle noch nicht gefunden hat.

     
Urheberrecht

Man muss allerdings dazu wissen, dass es gang und gäbe war bis ins 19. Jahrhundert, Werke von anderen Leuten zu übernehmen und als eigene zu verwenden, weil es kein Konzept von Urheberschaft gab - alles gehörte sowieso dem Prinzen oder König. Sehr viele Autoren haben sich bei den alten Griechen, vor allem Plutarch, bedient, wenn sie gute Geschichten oder Bonmots brauchten. Erst mit dem klaren Konzept des Urhebers und der Vorstellung, dass der Urheber seine Texte besitzt, kann man wirklich beginnen von Plagiat zu sprechen.

     
Brecht

Ein recht berühmtes Plagiat im 20. Jahrhundert ist von Berthold Brecht begangen worden, der seinerseits allerdings sehr genau darüber wachte, dass keiner irgendetwas an seinem urheberrechtlich geschützten Werk veränderte. Brecht hat viele Balladen in seiner "Dreigroschenoper" einer deutschen Übersetzung des französischen Dichters Villon entnommen, die von K.L. Ammer erstellt worden ist. Alfred Kerr hat diesen Sachverhalt aufgedeckt und veröffentlicht. Hier sind einige Beispiele:

     
 

AmmerBrecht
S. 87
Ihr Herren, urteilet selbst, was mehr mag frommen!
Ich finde nicht Geschmack an alledem.
Als kleines Kind schon habe ich stets vernommen:
Nur wer in Wohlstand schwelgt, lebt angenehm.
S. 16
Ihr Herren, urteilt jetzt selbst:ist das ein Leben?
Ich finde nicht Geschmack an alledem.
Als kleines Kind schon hörte ich mit Beben:
Nur wer in Wohlstand lebt, lebt angenehm.
S. 22
Ihr Menschenbrüder, die ihr nach uns lebt,
Laßt Eure Herz nicht gegen uns verhärten...
Drum Brüder, laßt Euch dies nur Lehre sein,
und bittet Gott, er möge uns verzeihn.
S.25
Ihr Menschenbrüder, die ihr nach uns lebt,
Laßt Eure Herz nicht gegen uns verhärten
Hier, Menschen, laßt Euch uns zur Lehre sein,
und bittet Gott, er möge uns verzeihn.
S. 86
Kein Vögelchen, von hier bis Babylon
Vertrüge diese Kost nur einen Tag.
S. 16
Kein Vögelchen von hier bis Babylon
vertrüge diese Kost nur einen Tag.
S. 19/20
Nun hört die Stimme, die um Mitleid ruft:
Villon liegt hier nicht unter Hagerdorn,
nicht unter Buchen, nein, in einer Gruft.
Hieher verschlug ihn des Geschickes Zorn [...]
Und seine Zähne sind so lang wie Rechen [...]
Ihr wollt, daß seine Marter ewig währt?
S. 24
Nun hört die Stimme, die um Mitleid ruft!
Macbeath liegt hier nicht unterm Hagerdorn,
nicht unter Buchen, nein, in seiner Gruft!
Hierher verschlug ihn des Geschickes Zorn [...]
Ach, seine Zähne sind schon lang wie Rechen [...]
Wollt ihn, daß seine Marter ewig währt?
S. 109
Die Mädchen, die die Brüste zeigen,
Um leichter Männer zu erwischen [...]
Die Lumpen, Dirnen, Hurentreiber,
Die Tagediebe, Vogelfrein [...]
ich bitte sie, mir zu verzeihn. [...]
Um weit're Händel nicht zu suchen
bitt' ich auch sie, mir zu verzeihn.
S. 25/26
Die Mädchen, die die Brüste zeigen,
um leichter Männer zu erwischen [...]
Die Lumpen, Huren, Hurentreiber,
Die Tagediebe, Vogelfrein [...]
Ich bitte Sie, mir zu verzeihn
Um weit're Händel nicht zu suchen
Bitt' ich auch sie, mir zu verzeihn.
S. 110
Man schlage ihnen ihre Fressen
Mit schweren Eisenhammern ein.
Im übrigen will ich vergessen,
Und bitte sie, mir zu verzeihn.
S. 26
Man schlage ihnen ihre Fressen
Mit schweren Eisenhammern ein.
Im übrigen will ich vergessen,
Und bitte sie, mir zu verzeihn.

     
zitiert nach
[Eng 33, S. 55+56]

     
Brechts Sonett

Dies verursachte einen ziemlichen Aufstand in der literarischen Welt, der derartig hohe Wellen schlug, dass Brecht sich dazu genötigt fühlte, ein Sonett zur Neuausgabe des Büchleins 1930 zu verfassen. Die letzten Zeilen: "Nehm jeder sich heraus, was er grad braucht! Ich selber hab mir was herausgenommen...".

     
Lyrik

Eine umfangreiche Plagiatsserie im Bereich der Lyrik ist der Fall von Neil Bowers, der Opfer eines sehr aktiven Plagiators war. Er hat ein Buch darüber verfasst, wie er diesen Plagiator entlarvt hat. Er dachte teilweise daran, dass es sich um einen Feldzug handeln könne um zu zeigen, dass literarische Magazine nicht so genau sind, wenn sie Gedichte auswählen. Der Plagiator schaffte es, das gleiche Gedicht mehrfach zu veröffentlichen! Bowers verzweifelte fast daran, dass nur wenige Leute ihm helfen wollten. Er schreibt:

     
1[Bow97, S. 106]

Call it the 'first stone syndrome'. Few are willing to cast it because they aren't entirely sure of their own originality. Scholars, even more than poets and fiction writers, balk at holding plagiarists accountable, probably because of the cumulative nature of scholerly work. One person's research builds upon everyone else's and footnotes don't always itemize the total debt. Virtually every scholar believes himself to have been plagiarized and, conversely, worries that his neighbors' will find their work unattested in his."  1

     
 

Weitere Links 

     
  
  • Rex Stout.  Das Plagiat (Orig. Titel: "Plot it yourself"), Goldmann Verlag, 1959/1986
  • Neil Bowers.  Words for the Taking : The Hunt for a Plagiarist. New York : Norton, 1997
     
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